Die Umbenennung des Kriegs gegen Palästina von 1948: Teilung, Enteignung und Zersplitterung

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Von Richard Falk via Global Research
Übersetzt von wunderhaft

 

24. März 2018, Global Justice in the 21st Century

1948-war

Die Kontrolle des Diskurses

Israel ist es über die Jahre hervorragend gelungen die öffentliche Diskussion über die Zukunft Palästinas zu gestalten und in die Irre zu führen. Einer der ersten Erfolge auf diesem Weg war der wesentliche Propagandasieg, den Krieg von 1948 international unter dem Begriff “Unabhängigkeitskrieg” bekannt zu machen. Eine solche Bezeichnung entzieht den Palästinensern das politische Bewußtsein und verdreht die tieferen menschlichen und politischen Folgen dieses Krieges. Sprache ist bedeutsam, besonders in lebenswichtigen Umständen, unter denen es Sieger und Besiegte gibt, eine Wahrheit, die vor allem für einen Vertreibungskrieg gilt.

Es hat die Palästinenser Jahrzehnte gekostet ihre Erfahrung von 1948 selbst jenen bewußt zu machen, die den Kampf um deren nationale Selbstbestimmung auf internationaler Ebene unterstützen. Sogar 50 Jahre nach dem Krieg bleibt die ´Nakba*´, wie die Palästinenser den Krieg von 1948 nennen, international betrachtet, undurchsichtig. Das Wort bedeutet ´Katastrophe´, die prinzipiell mit der Enteignung von mindestens 700.000 nichtjüdischen Bewohnern des Teils von Palästina verknüpft ist, der nach 1948 zum Staat Israel geworden ist, sowie mit der Verweigerung der Rückkehr jener Palästinenser durch Israel, die ihre Häuser und Dörfer aus Angst vor oder als Folge des israelischen Zwangs aufgegeben haben. Dieser doppelte Prozeß aus Enteignung und Vernichtung ist durch das Planieren und die Zerstörung von 400-600 palästinensischen Dörfern in dem neuen Staat, Israel, verstärkt worden.

Selbst jene Palästinenser, die diese rückblickende Bewußtsein besitzen, vermitteln die Nakba selten als einen Prozeß, anstatt als verhängnisvolles Ereignis. Für die, die ihrer Häuser, ihrer Gemeinschaft, Beschäftigung und Würde beraubt worden sind, wurde das Leben und das ihrer Familien und ihrer nachfolgenden Generationen, entweder als Folge des andauernden Elends und Schmach des langjährigen Aufenthalts in Flüchtlingslagern oder aus der Erfahrung der zahlreichen Verwundbarkeiten und unverschuldeter Heimatlosigkeit sowie des permanenten Exils, in der Regel zur ´lebendigen Hölle´.  Mit anderen Worten, hat die Tragödie der Nakba begonnen, jedoch mit den Traumata der Enteignung nie aufgehört zu existieren, sondern hat sich mit den anschließenden Martyrien, die als untrennbar von der ursprünglichen Katastrophe betrachtet werden müssen, fortgesetzt.

Der Teilungsplan der Vereinten Nationen*

Für viele reflektierende (besinnliche) Palästinenser hat sich die Schmach des der, am 29. November 1947 mit 33:13 Stimmen (bei 10 Enthaltungen und einer fehlenden Stimme) beschlossenen, VN-Resolution 181 folgenden Kampfes um die Kontrolle ihres Territoriums und ihrer Grundrechte noch intensiviert. Die Kontrolle über den weltweiten öffentlichen Diskurs hat sich in der Dramatisierung der zionistischen Akzeptanz (wie sie von der Jewish Agency for Palestine* vertreten worden ist) der beabsichtigten Teilung des historischen Palästinas ausgedrückt, welche von dessen arabischen Nachbarn sowie von Indien und Pakistan mit dem vordringlichen Argument zurückgewiesen worden ist, daß die Teilung, ohne das Einverständnis der Bewohner Palästinas eine eklatante Verletzung des Versprechens der Charta der Vereinten Nationen über das Selbstbestimmungsrecht* ist, welches die die freie Wahl der Völker über ihre eigene politische Bestimmung beinhaltet.

Diese Meinungskollision wurde daraufhin vom Westen als Beweis für die Plausibilität des zionistischen Denkansatzes, hinsichtlich der mit den beiden gegensätzlichen Forderungen auf Selbstbestimmung und territoriale Souveränität verbundenen Verwicklungen, interpretiert. Die zionistisch/israelische Propaganda erklärte eine Bereitschaft zur Lösung des Konflikts durch politische Kompromisse, während sie der palästinensischen Sichtweise über die Zukunft des Landes widersprach und sie als Exklusivismus*, Zurückweisung und sogar als genozidal verunglimpfte und eine angebliche arabische Lösung unterstellt hat, wonach die Juden ins Meer geworfen werden sollten. Eine Behauptung, die das liberale politische Bewußtsein des Westens nach dem Holocaust natürlich zutiefst beunruhigt hat. Eine objektivere Darstellung der gegensätzlichen Ansichten beider Seiten unterstützt eine Reihe fast gänzlich gegenteiliger Schlußfolgerungen als die, die der Welt über das israelische Narrativ durch die Teilungsinitiative der Vereinten Nationen und in deren Folge verkauft worden ist, obwohl diese beiden gegensätzlichen Betrachtungsweisen den Diskurs weiterhin beherrschen.

Nach dem verständlichen ursprünglichen Reflex der Palästinenser, die Absicht der jüdischen Eindringlinge, die Besatzung und Teilung ihrer jahrhundertealten Heimat, zurückzuweisen, waren es die Palästinenser und nicht die Israelis, die einen kompromittierenden Kompromiß vorgeschlagen haben, und es waren die Israelis, die größtenteils die Ansicht vertraten, daß das den Juden ´Gelobte Land´, die West Bank und das vereinte Jerusalem beinhaltet, und jede Verwässerung dieser Ziele einen fundamentalen Betrug an dem zionistischen Projekt zur völligen Wiederherstellung eines sagenumwobenen, ´biblischen Israels´ in Form eines souveränen Staates darstelle. Um so mehr ideologische Israelis, einschließlich Menachem Begin* (Kommandeur der Irgun Tzwaʾi Leʾumi* und 6. Premierminister von Israel, 1977-83) sind im Jahr 1947 ausgesprochene Kritiker der Teilung gewesen, da diese, ihrer korrekten Einschätzung nach, Gewalt hervorgerufen hätte, und sie glaubten, daß Israel seine Sicherheit und die vollständige Umsetzung des zionistischen Projekts nur durch militärische Operationen mit dem Ziel der territorialen Expansion erreichen könne. David Ben-Gurion*, Meister der zionistischen Taktik und erster Ministerpräsident Israels, teilte Begins Skepsis bezüglich der Teilung, bevorzugte jedoch aus pragmatischen Gründen einen Schritt in Richtung der Vollendung des zionistischen Projekts, aber keinen endgültigen. Der zunächst provisorischen Teilung sollte der Versuch folgen den zionistischen Plan umzusetzen, und das ist genau, was seit 1947 geschieht.

Die Teilung war für Palästina als vertraute britische Taktik zur Kolonialisierung, die ihre Strategie des ´Teile und Herrsche´ durch Besetzung ergänzt hat, schon seit 1937 in dem Bericht der Peel Kommission* vorgesehen, jedoch ist das Vereinigte Königreich (VK), dem Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit der Arabischen Welt im 2. Weltkrieg folgend, von seiner üblichen Befürwortung einer Teilung von Palästina abgerückt. in einer späteren Informationsschrift haben die Briten eine Teilung Palästinas für “untauglich” erklärt und haben erstaunlicherweise von der Durchsetzung des Votums der VN-Resolution 181 abgesehen.

 

Die Verlängerung des palästinensischen Martyriums

Spätestens im Jahr 1988 hat die PLO entschieden, Israel als legitimen Staat anzuerkennen und eine Normalisierung der Beziehungen anzubieten, wenn Israel die normativen Bestimmungen der Resolution 242* des VN-Sicherheitsrates befolge, was dessen Rückzug in die Grenzen der grünen Linie* von 1967 und sein Einverständnis mit Maßnahmen für eine effektive Lösung der Flüchtlingsfrage bedeutet. Die arabische Friedensinitiative im Jahr 2002 bot der PLO Anreize für einen politischen Kompromiß und auch hierauf reagierte Israel mit Schweigen und der Westen mit einer glanzlosen Antwort. Der Osloer Friedensprozeß* war ein einseitiges Versagen. Er hat keine Vorschläge zu den diskutierten Fragen gemacht, die irgendeinen sinnvollen Ausblick für ein nachhaltiges Ende des Konflikts beinhaltet haben, während er Israel wertvolle Zeit zugestanden hat, um die Ausdehnung ihres Netzes von illegalen Siedlungen voranzutreiben und zwar in einer Form der schleichenden Annexion, die sowohl dazu diente das Mantra von der Zweistaatenlösung mehr und mehr zu einer einer grausamen Schimäre zu machen als auch die Weltöffentlichkeit zu beruhigen, die von einem nachhaltigen Frieden beider Völker und einem Ende des Konflikts ausgegangen war.

Objektiver betrachtet können diese beiden Reaktionen auf die Teilungs-Lösung verworfen werden. Die zionistische Bewegung nahm sich in jeder Phase das, was sie bekommen konnte und ging dann dazu über am Boden und in der Diplomatie Bedingungen zu schaffen, mit welchen sie ihre politischen Forderungen und Erwartungen ausdehnen oder, wie manchmal zu beobachten war, ihre “Absichten willkürlich verändern” konnte. Der Verlaß auf diese Art von “Salamitaktik” kann mindestens bis zur Balfour-Deklaration* zurückverfolgt werden, als die Zionisten den Begriff der “nationalen Heimstatt” akzeptiert haben, obwohl ihre Absicht von Anfang an darin bestand, einen jüdischen Staat zu errichten, der weder die moralischen Werte der Palästinenser noch ihre gesetzlichen und politischen Rechte berücksichtigt hat. Jüngste Archivforschungen haben mit zunehmender Klarheit verdeutlicht, daß das wirkliche Ziel der Zionisten schon immer in der Vorstellung eines Israels der biblischen Tradition, ´des Gelobten Landes´ bestand, das sowohl die gesamte Stadt Jerusalem als auch die international als “die West Bank” und in Israel als ´Judäa und Samaria´ bekannte Region umfaßt.

Und hinsichtlich der palästinensischen Reaktion, die ursprünglich von der gesamten Arabischen Welt und ebenso von den meisten Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung leidenschaftlich unterstützt worden war, basierte die Zurückweisung der Vorgehensweise der Vereinten Nationen auf dem Ausmaß der Teilung von Palästina in zwei Hälften, ohne Einverständnis der dort lebenden Bevölkerungsmehrheit, geschweige denn diese auch nur zu konsultieren. Es waren arrogante Anstrengungen der, damals vom Westen kontrollierten, Vereinten Nationen, um eine Lösung zu diktieren, die weder die Bedenken der Palästinenser berücksichtigt noch mit dem Wortlaut ihrer eigenen Charta übereingestimmt hat. Die palästinensische Zurückweisung der Resolution 181 als Zeichen von Antisemitismus oder genereller Zurückweisung zu betrachten, bedeutet die Akzeptanz des desaströsen Erbes der Teilung, welche die israelische Darstellung, der es an echter Arbeitsdynamik mangelt und den Konflikt seit all diesen Jahrzehnten am Leben erhält, übernimmt. Bis zum heutigen Tag fährt Israel damit fort Bedingungen zu schaffen, welche die Perspektiven der Palästinenser verschlechtern, während es das zionistische Projekt als vernünftiges Streben nach ehemals geheimgehaltenen Zielen in größerer Klarheit darstellt.

Das führt zu der zentralen Frage, deren Antwort nicht nur die Begründungen dafür enthält, warum Israel keine Teilung will, sondern genau genommen auch dafür, daß seine provisorische und vorübergehenden Akzeptanz ein Weg zu mehr politischem Freiraum sowohl für mehr Beweglichkeit als auch dafür war, der Welt zu zeigen, daß dieser bei angemessener Betrachtung eine Verpflichtung zum Frieden enthält. Demgegenüber haben sich die Palästinenser von der Art, wie die Vereinten Nationen und der Westen mit der Zukunft ihrer Gesellschaft umgegangen ist, gedemütigt gefühlt, und dennoch wollten sie die Internationale Gemeinschaft und besonders Washington nicht verstimmen. Eine solche Haltung hat bedeutet Vertrauen in den Rahmenplan von Oslo zu setzen und so zu tun als habe der ´Friedensprozeß´ irgend etwas mit ´Frieden´ zu tun. Dieser von der Palästinenserbehörde während der vergangenen 25 Jahre praktizierte diplomatische Anpassungsmodus hat in vielen Kreisen, einschließlich palästinensischen und anderen, den Eindruck erweckt, daß die Palästinenserbehörde nicht annähernd zurückweisend genug gewesen ist und entweder so naiv war ein verlorenes Blatt zu spielen oder die tatsächliche Strategie der Zionisten nicht zu begreifen.

 

´Der Teilnungs-Krieg´

Um den Kreis zurück zu der Behauptung, daß die Sprache selbst ein Teil des Krieges ist, zu schließen, ist es, besonders Heute, mehr als 70 Jahre später, erstrebenswert dem Krieg von 1948 einen Begriff zuzuordnen, der seinen wesentlichen und fehlerhaften Charakter deutlicher zum Ausdruck bringt, und dieser Begriff lautet ´Teilungs-Krieg´. Nur mit Hilfe eines solchen linguistischen Mittels sind wir in der Lage zu verstehen, in welchem Ausmaß sich die durch die Vereinten Nationen vertretene Internationale Gemeinschaft an den bisher unbearbeiteten Verbrechen an dem palästinensichen Volk und seinen naturgegebenen Rechten, sowohl hinsichtlich seiner Rechtsansprüche als auch bezüglich seiner plausiblen politischen Erwartungen, schuldig gemacht hat, die ich als ´geopolitische Verbrechen´ bezeichnen würde.

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Richard Falk ist Professor für Völkerrecht und internationale Beziehungen und hat über vierzig Jahre an der Princeton University gelehrt. Seit 2002 hat er im kalifornischen Santa Barbara gelebt und am Campus der University of California Globale und Internationale Beziehungen gelehrt und war seit 2005 im Vorstand der Nuclear Age Peace Foundation*. Sein Blog* hat er zur Feier seines 80. Geburtstags ins Leben gerufen.

 

Quelle: https://www.globalresearch.ca/renaming-the-1948-war-against-palestine-partition-dispossession-and-fragmentation/5633617

Die ursprüngliche Quelle ist: https://richardfalk.wordpress.com/2018/03/24/renaming-the-1948-war-partition-dispossession-and-fragmentation/

Alle mit einem * versehenen Links wurden zusätzlich eingefügt

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