Neue Schlacht um Tripolis: Voraussetzungen und Aussichten

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Seit der Intervention der NATO im Jahr 2011 herrscht in Libyen ein beständiges Chaos. Nach dem Sturz der Regierung von Muammar al-Gaddafi ist das Land in die Hände von sich gegenseitig bekämpfenden, bewaffneten Gruppen, von denen viele mit radikal-islamistischen Gruppen verbunden sind. Erst haben die Al-Qaida und später der ISIS ihre Präsenz in dem Land gefestigt und ausgebaut. Die dort ausgebrochene humanitäre Krise hat nie ein Ende gefunden. Ein hohes Maß an Gewalt, Verbrechen und ungelösten humanitären Fragen haben Libyen zu einem der Hauptdrehkreuze für Waffen-, Drogen- und selbst Menschenhandel werden lassen. Eine große Anzahl der nach Europa flüchtenden Menschen benutzen Libyen als Transferstelle.

Die Nato hat nur minimale Bemühungen an den Tag gelegt, um diese Situation durch Terrorismusbekämpfung und die Wiederherstellung der Ordnung zu ändern. Einer der Gründe hierfür ist, daß die vom Westen unterstützte Einheitsregierung in Tripolis selbst Verbindungen zu Radikalen unterhält. Ein Teil des Nordwestens Libyens wird von Gruppen kontrolliert, die der Einheitsregierung ihre Unterstützung zugesagt haben. Die einzig wirksamen Bemühungen zur Terrorbekämpfung durch regierungsnahe Kräfte fand im Jahr 1016 statt, als diese den ISIS aus der Küstenregion um Sirte vertrieben haben. Nichtsdestotrotz zeigen ISIS-Zellen eine auffällige Präsenz in dem Land. Die Einheitsregierung erhält Unterstützung von den Vereinigten Staaten (US), von verschiedenen EU-Staaten sowie von Katar und der Türkei.

Der südwestliche Landesteil wird von dort ansässigen Tuareg und Tabu-Milizen kontrolliert. Die Mitte sowie der Nordosten als auch der Südosten Libyens befinden sich in den Händen der Libyschen Nationalarmee (LNA) und dem mit ihr verbündeten, in der Stadt Torbuk ansässigen Repräsentantenhaus.

Während der letzten Jahre hat die LNA unter der Führung des Feldmarschalls, Khalifa Haftar, die Kontrolle über einen Großteil des Lande gefestigt und ausgeweitet, manchmal, wie im Süden des Landes, durch Abkommen mit den Gemeinden vor Ort und manchmal durch den gewaltsamen Kampf gegen bewaffnete Gruppen. Auch hat die LNA erfolgreiche Operationen gegen militante und kriminelle Gruppen im Süden Libyens ausgeführt. Diese Bemühungen erfolgten in offizieller Koordination mit den Regierungen des Nigers und des Tschads. Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Frankreich werden oft als Unterstützer der LNA bezeichnet. Interessant ist der Umstand, daß wilde Spekulationen darüber, ob russische Söldner und Sondereinheiten und, wenn wir die britischen Mainstream Medien miteinbeziehen, sogar russische Stützpunkte dort zur Unterstützung der LNA stationiert oder errichtet worden sind, kaum mit der Wirklichkeit am Boden in Verbindung stehen. Der tatsächliche Einfluß des Kreml auf den Konflikt hat sich bisher vorwiegend auf diplomatischen Kontakte mit den Vertretern der zumindest formell konstruktiven Kräfte vor Ort beschränkt.

Am 4. April hat der Feldmarschall Haftar offiziell erklärt mit eine Operation zur Terrorbekämpfung in der Region um Tripolis zu beginnen. In den darauffolgenden Tagen hat die LNA eine Reihe von Vorstößen gemacht, bei denen sie große Gebiete der Stadt, einschließlich des Internationalen Flughafens von Tripolis erobert hat und nahe an die Stadt vorgedrungen ist. Laut Quellen vor Ort sind bei den Kämpfen zwischen der LNA und der Kräfte der Einheitsregierung über 40 Menschen getötet oder verwundet worden. Beide Seiten haben sogar ihre bestehenden Luftstreitkräfte eingesetzt, um sich gegenseitig zu bekämpfen.

Jedoch schien es, als würde die Koalition der Regierungstruppen, einschließlich der  al-Nuasi Brigade, der Revolutions-Brigade von Tripolis, der Sonderabschreckungs-Trupppe, der al-Mahjub Brigade, der 33. Infantrie Brigade, den Abu Obeida al-Zawia-Kräften, der al-Halbus Brigade und den Usama al-Juwayli-Kräften, erst zum Widerstand fähig zu sein, als die von Haftar angeführten Kräfte die nähere Umgebung der Stadt erreicht haben.

Am 7. April hat das U.S. Army Africa Command (AFRICOM) erklärt, daß es seine Truppen, “angesichts der sich entwickelnden Unsicherheit”, aus der libyschen Hauptstadt evakuiert habe. Das bedeutet, daß Washington Gefechte in der Stadt selbst erwartet.

Die LNA behauptet, daß ihr Vorstoß zur Eroberung Tripolis´ nicht Teil der politischen Auseinandersetzung, sondern eine Operation gegen die dort versteckten Terroristen sei. Nichtsdestotrotz ist klar, daß der Vorstoß der LNA ein weiterer Schritt im Rahmen früherer Versuche der LNA darstellt, die stückweise Aufteilung des Landes in von lokalen Warlords kontrollierte Gebiete zu beenden und die Festigung der Regierungsmacht, einschließlich des Rechts der Gewaltanwendung in die Hand zu bekommen. Im Falle eines Erfolgs wird dies dazu führen eine gewisse Ordnung im Großteil des Landes wiederherzustellen und hart gegen frei im luftleeren Raum agierende lokale bewaffnete Gruppen und kriminelle Banden vorzugehen.

Andererseits wird der Vorstoß der LNA auf internationaler Ebene scharf kritisiert. Ausländische Mächte, die den Zusammenbruch Libyens zur Ausbeutung der Bodenschätze auf seinem Territorium nutzen, wenden sich unter dem Vorwand der Notwendigkeit der Verteidigung der Demokratie und der Verhinderung einer humanitären Krise entschieden gegen das Vorgehen der LNA.

Sollten sie hierbei erfolgreich sein, wird sich die Sicherheitssituation in Libyen wahrscheinlich weiterhin verschlechtern und Raum für die weitere Ausbreitung radikaler Gruppen, in erster Linie für den ISIS und al-Qaida, schaffen und zu einer Fortsetzung der Migrationsflut nach Europa beitragen.

Quelle: https://southfront.org/a-new-battle-for-tripoli-preconditions-and-prospects/

Übersetzung©: Andreas Ungerer

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