Neuer „Roter“ Block: die russisch-chinesische Allianz

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German edit by John T. Sumner, exclusively for SouthFront

Zunächst ist zu beachten, dass die Russische Föderation und die Volksrepublik China formal keine Militärallianz bilden, die eine Form gemeinsamer Verteidigung wie zum Beispiel bei der NATO vorsieht. Sie befinden sich jedoch innerhalb eines Netzwerks langjähriger kollektiver Sicherheitsvereinbarungen, die in der Shanghai Cooperation Organization (SCO) Gestalt angenommen hat, sowie in einer Reihe von bilateralen Verträgen und Vereinbarungen, die die gegenseitigen Beziehungen regeln. Dies schließt die Festlegung einer gegenseitigen Grenze ein, um territorialen Streitigkeiten zuvorzukommen. Solche Streitigkeiten waren in der Vergangenheit eine Quelle ständiger Konflikte zwischen Russland und China, die gelegentlich zu regelrechten Kriegen eskalierten, zuletzt in Form von Kampfhandlungen an der Grenze zum Amur in den späten 1960er Jahren.

Hinsichtlich einer kollektiven Verteidigung haben beide Länder ein gemeinsames Interesse an der Verhinderung weiterer Übergriffe auf die Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen in ihren jeweiligen Grenz-Pufferzonen. Für Russland sind dies Osteuropa, der Kaukasus, Zentralasien und befreundete Staaten im Nahen Osten wie z.B. Syrien. Für China umfasst es das Südchinesische Meer, Myanmar, Hongkong und bis zu einem gewissen Grad auch Zentralasien. Obwohl die geopolitischen Interessen beider Länder unterschiedliche Zonen betreffen, ist andererseits die Ursache der Sicherheitsbedenken jeweils identisch – die Vereinigten Staaten und im weiteren Sinne die NATO, zusammen mit einem losen Verbund  regionaler Vasallen, die an der Etablierung einer dauerhaften angelsächsischen Hegemonie über den gesamten Planeten  interessiert sind. Russland und China hingegen haben aus ziemlich offensichtlichen und nachvollziehbaren Gründen kein Interesse daran, Teil einer Weltordnung zu werden, die auf dem Washingtoner Prinzip beruht. Die Geschichte beider Länder ist reich an Beispielen für die Aggression westlicher Mächte, die sich als Fackelträger einer historischen Mission betrachten. Die aktuelle Version des “American Exceptionalism” unterscheidet sich nicht wesentlich von seinen früheren Spielarten, weder im Endziel noch in der Kombination von militärischen und nichtmilitärischen Ansätzen, um nicht-westlichen politischen Akteuren ihren Willen aufzwingen zu können. Stattdessen teilen Russland und China die Ansicht, dass eine ideale Weltordnung weder unipolar noch bipolar, sondern vielmehr multipolar sein sollte.

Mit diesem Ziel vor Augen, der Vision einer Weltordnung, so wie sie sich ungefähr in der institutionellen Konzeption des UN-Sicherheitsrates widerspiegelt, könnte in Zukunft eine  multipolare Welt entstehen, bevölkert von fünf Großmächten, die die Ordnung in ihrem jeweiligen Einflussbereich aufrechterhalten, ohne dabei nach territorialer Vergrößerung auf Kosten der anderen Großmächte zu streben.

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und China soll der praktischen Umsetzung dieser Vision dienen. Aus zwei Gründen wird der gegenwärtige Umfang der Zusammenarbeit in naher Zukunft nicht zunehmen;  Der erste Grund besteht darin, dass sowohl Moskau als auch Peking immer noch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Washington zur Besinnung kommen könnte, nachdem es die Grenzen seiner Macht erkannt hat und akzeptiert, dass es anderen Großmächten seinen Willen nicht diktieren kann. Aus historischen und kulturellen Gründen ist dieser Glaube in Moskau stärker als in Peking ausgeprägt. Der zweite Grund ist, dass weder Moskau noch Peking zum Satelliten des anderen, oder in zu hohem Maße von dem jeweils anderen abhängig werden wollen. Russland braucht neue Märkte für seine Verteidigungsprodukte, um darüber die weitere Forschung an zukünftigen Technologien sicherzustellen und die Kosten für die Entwicklung von Waffensystemen senken zu können. Es ist nicht daran interessiert, dass China in diesem Bereich völlig autark wird oder auf anderen Märkten mit Russland konkurriert. China möchte mit modernsten Waffensystemen die Stationierung fortschrittlicher Waffen entlang seiner Peripherie verhindern. Es will nicht übermäßig von einem Russland abhängig werden, das am Ende eine politische Neuorientierung von China weg in Richtung Westen durchlaufen könnte. Im letzten Jahrzehnt bestand eines der Ziele eines versuchten Regimewechsels in Russland genau darin: Sobald Russland ein US-Satellit geworden wäre, wäre Chinas Position dadurch stark geschwächt worden.

Der Handel ist in den letzten Jahrzehnten größtenteils eine Einbahnstraße gewesen – Russland verkauft zwar an China, kauft jedoch im Gegenzug nichts von ihm. Auch umgedreht ist ein erkennbares Muster entstanden: Zuerst erwirbt China ein russisches Waffensystem, welches es daraufhin kopiert und schließlich in Eigenregie produziert und wartet. Dieser Ansatz funktioniert allerdings nur manchmal. Wenn dies immer der Fall wäre, müsste China zum Beispiel nicht kontinuierlich fortschrittliche russische Kampfflugzeuge aufkaufen. China ist jedoch in Bezug auf Kleinwaffen, gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Raketen und Raketentechnik und den größten Teil des Marine-Bedarfs   autark. Viele moderne chinesische Systeme (z. B. Kampfpanzer) weisen dabei noch erkennbare Anzeichen ihrer sowjetischen Herkunft auf. Ob allerdings diese chinesischen Waffen ebenso leistungsfähig wie russische oder westliche Entsprechungen sind, ist eine andere Frage. Chinas Führung ist der festen Überzeugung, dass sie den Anforderungen genügen, und muss sich darüber hinaus mit ihrem eigenen „militärisch-industriellen Komplex“ und dessen Wunsch auseinandersetzen, eine eigene Massenproduktion von Waffen zu beherrschen. Zu den Prioritäten Chinas gehört der Aufbau einer einheimischen technologischen Basis mittels einer Kombination aus inländischen Investitionen und dem Erwerb von Technologien aus dem Ausland. Zu den ausländischen Technologieträgern zählen der Westen, aber auch Russland (durch Industriespionage) und sogar ehemalige Sowjetrepubliken, in denen sich noch Komponenten des sowjetischen militärisch-industriellen Komplexes befinden. Die Bemühungen Chinas, „Motor Sich“ und sowjetische Alttechnologien der Ukraine zu erwerben, sind ein gutes Beispiel.

Es gibt jedoch gute Gründe für die Einschätzung, dass Chinas einheimische Waffen qualitativ immer noch hinter denen Russlands zurückbleiben. Dies ist besonders im Bereich der Luft- und Raumfahrt zu verzeichnen, wo die russische Su-35 trotz zahlreicher in der VR China konstruierter Kampfflugzeuge das fortschrittlichste Luftkampfflugzeug im Bestand der PLAAF bleibt. Chinas Industrie hat Probleme bei der Entwicklung von Düsentriebwerken für Jäger der Generation 4 ++ und 5, von denen Fähigkeiten wie z.B. “Super-Cruise” verlangt werden. Es ist auch fraglich, ob Chinas Industrie die Leistungsfähigkeit der russischen Phased-Array-Radarsysteme oder der elektronischen Kriegsführung nachbilden kann. In den russisch-chinesischen Verhandlungen über den Kauf solcher Systeme wurde deutlich, dass die Su-35 den chinesischen Konstruktionen überlegen ist. Ursprünglich war China daran interessiert, lediglich einen kleinen Teil dieser Kampfflugzeuge zu beschaffen, was darauf hindeutet, dass weniger die PLAAF neu ausgerüstet werden soll, sondern vielmehr das Flugzeug oder seine Komponenten „geklont“ werden sollen. Letztendlich setzte sich Russland gegen China durch, das eine beträchtliche Anzahl der Flugzeuge   kaufte.

Die Situation in anderen Bereichen ist wahrscheinlich ähnlich. Bei direkten Panzerbiathlon-Wettbewerben unter kontrollierten Bedingungen und mit hochqualifizierten Besatzungen zeigte der chinesische Typ 96B keine Überlegenheit gegenüber dem russischen T-72B3, obwohl er ein neueres Design aufweist. Interessant ist auch, dass während der russische Marineschiffbau um die Deckung des Eigenbedarfs der russischen Marine an Neubau und Modernisierung bestehender Schiffe kämpfen muss, die chinesische Marineindustrie im Gegensatz dazu duzendweise große Kriegsschiffe fertigstellt. Trotzdem hat Russland keine Schiffe aus chinesischen Werften bestellt.
Was schließlich auffällt, ist eine fehlende Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Waffensystemen, obwohl sich die Sicherheitsinteressen beider Länder überschneiden. Stattdessen sehen wir in beiden Ländern eine parallele Entwicklung von Waffen mit ähnlichen Fähigkeiten. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Russland befürchtet, sein überlegenes technologisches Know-how durch gemeinsame Entwicklungsbemühungen mit China zu gefährden.

Während Russland und die VR China gemeinsame Übungen zu Lande, in der Luft und auf See abgehalten haben und das chinesische Militär regelmäßig an den jährlichen Militärmanövern Russlands teilnimmt, wobei es auch eigene Ausrüstung mitbringt, haben diese Übungen immer noch einen eher politischen als militärischen Charakter. Sie sollen die Solidarität Moskaus und Pekings in einem breiten Spektrum politischer Fragen demonstrieren, anstatt Konzepte gemeinsamer Militäraktionen zu entwickeln. Es scheint, dass sowohl Moskau als auch Peking versuchen, die jeweils eigene Autonomie des Handelns zu erhalten. Ein militärischer Konflikt zwischen den USA und China im Pazifik würde so nicht automatisch eine russische Reaktion hervorrufen, und ein Zusammenstoß zwischen den USA und Russland im Schwarzen Meer oder im Mittelmeerraum würde nicht zwangsläufig Chinas Militär auf den Plan rufen. Stattdessen sollen die gemeinsamen Übungen Drittstaaten die Option einer gemeinsamen russisch-chinesischen Militäraktion zu einem späteren Zeitpunkt aufzeigen, zu dem elementare nationale Interessen dies diktieren könnten. Sie schaffen sicherlich die Grundlage für eine zukünftige Ausweitung der militärischen Zusammenarbeit durch den Aufbau stabiler und beständiger militärischer Kontakte, der Schritt hin zu einem militärischen Bündnis steht dabei noch aus.

Das Verhältnis zwischen Russland und China- ist symptomatisch für eine zukünftige multipolare Weltordnung, in der die Allianzen zwischen Großmächten oberflächlich und situationsbezogen sein werden. In der Tat ist eine tiefe Bündnisintegration immer nur dann möglich, wenn entweder ein Mitglied des Bündnisses alle anderen Mitglieder eindeutig beherrscht, wie es  innerhalb der NATO der Fall ist, oder wenn die Bündnispartner im politischen und wirtschaftlichen Sinne so stark vernetzt sind, dass eine militärische Integration der logische nächste Schritt ist . Die Diskussionen über eine „europäische Armee“ sind ein Beispiel für letztgenanntes Muster militärischer Zusammenarbeit. Da es sehr wahrscheinlich ist, dass Russland und China sich gegenseitig beeinflussen werden, oder wirtschaftlich sehr stark voneinander abhängig sein werden, wird der derzeitige Umfang der Zusammenarbeit unverändert beibehalten, sofern nicht in Zukunft eine ernste militärische Bedrohung auftritt. Genau diese Situation entsteht durch die gegenwärtige Aufrüstungspolitik des US-Militärs für beide Länder, die mit ziemlicher Sicherheit in der Weise reagieren wollen, indem sie den Umfang ihrer Zusammenarbeit auf die nächsthöhere Ebene ausdehnen. Gleichzeitig sind Moskau und Peking noch immer der Meinung, dass Washington den Rubikon des Großmachtkonflikts noch nicht irreversibel überschritten hat.

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