Steht ein NATO-Austritt bevor? Wechsel in der Struktur der Militärbündnisse. Ein Bündnis der Türkei mit Rußland, China und dem Iran?

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Von Prof. Michel Chossudovsky
Übersetzt von wunderhaft

31. März 2018, Global Research
NATO warIn Erinnerung an den 1. Weltkrieg sind Veränderungen in Bündnissen und Strukturen militärischer Koalitionen wesentliche Faktoren in der Geschichte.

Die heutigen Militärbündnisse, einschließlich “machtübergreifender Koalitionen” zwischen “Großmächten”, sind zwar ebenso gefährlich  jedoch deutlich andersartig und außerordentlich komplexer, als die, welche den 1. Weltkrieg betreffen (sprich, die Konfrontation zwischen der sogenannten “Triple Entente” und dem “Dreierbündnis”).

Gegenwärtige Entwicklungen deuten einen historischen Wandel in der Struktur von Militärbündnissen an, der sowohl zu einer Schwächung der VS-Hegemonie im Nahen Osten als auch zur Schaffung von Verhältnissen beitragen könnte, die in der Lage wären, den Nordatlantikpakt (NATO) zerfallen zu lassen.

Die NATO ist eine, aus 29 Mitgliedsstaaten bestehende, eindrucksvolle Militärmacht, die weitgehend durch das Pentagon kontrolliert wird. Diese ist sowohl militärisches Bündnis als auch Instrument der modernen Kriegsführung und stellt eine Gefahr für die internationale Sicherheit und den Weltfrieden dar.

Spaltungen innerhalb des Atlantischen Bündnisses könnten dazu führen, daß ein oder mehrere Mitgliedsstaaten sich für einen “NATO-Austritt” entscheiden. Eine NATO-Austrittsbewegung würde den von unseren Regierungen erzwungenen, sich entfaltenden Konsens schwächen, der zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte in der Androhung eines Präventivkrieges gegen die Russische Föderation besteht.

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In diesem Artikel werden wir uns hauptsächlich mit der Absicht eines Mitgliedsstaates, aus der NATO auszutreten, an einem konkreten Fall beschäftigen, namentlich dem “NATO-Austritt” der Türkei und ihrer sich entfaltenden Annäherung sowohl in Richtung Rußland als auch Iran und China.

Die Türkei erwägt einen “NATO-Austritt“, dessen Konsequenzen weitreichend sind. Militärbündnisse müssen neu definiert werden.

In Nordsyrien kämpft die Türkei wiederum gegen Amerikas Stellvertreter, die kurdischen Streitkräfte, sprich, ein NATO-Mitgliedsland kämpft gegen ein anderes NATO-Mitgliedsland.

Rußlands Haltung bezüglich der türkischen Militäroperationen ist unklar. Rußland ist Bündnispartner von Syrien, in das die Türkei, ein Verbündeter Rußlands, einmarschiert ist.

Aus einem höheren Standpunkt betrachtet, kooperiert die Türkei aktiv mit Rußland, das kürzlich gelobt hat die Sicherheit der Türkei zu gewährleisten. “Moskau bekräftigt, daß die Türkei sich in aller Ruhe aus der NATO zurückziehen kann, und anschließend wird Ankara garantiert, daß es sich, wegen der Gewährleistung seiner eigenen Sicherheit, keinerlei Bedrohung seiner Sicherheit [durch die VS-NATO] gegenübersehen wird.” (Laut der Erklärung des Generalmajors i.R. der Türkischen Luftwaffe, Beyazit Karatas)

Außerdem will Ankara im Jahr 2020 Rußlands hochmodernes Luftabwehrsystem, S-400, erwerben, während es sich de facto von dem integrierten VS-NATO-israelischen Luftabwehrsystem lossagt. Es wird behauptet, daß der S-400-Deal Kummer bereitet, “weil die Türkei ein NATO-Mitglied ist, und das [S-400] System nicht in die militärische Architektur der NATO integriert werden kann.”

Rußlands S-400 Triumf (mit der NATO-Bezeichnung: SA-21 Growler) ist das neueste Langstrecken-Luftabwehrsystem, das im Jahr 2007 in Dienst gestellt worden ist. Es wurde dafür geschaffen Flugzeuge, Marschflugkörper und ballistische Raketen, einschließlich Mittelstreckenraketen und Ziele am Boden, zu zerstören. Die S-400 kann Ziele in einer Entfernung von 400 Kilometern und einer Höhe bis zu 30 Kilometern angreifen (TASS, 19. Dezember 2017).

 

Was bedeutet das?

Hat das “Schwergewicht” der NATO (hinsichtlich seiner konventionellen Streitkräfte), namentlich die Türkei, beschlossen das Atlantische Bündnis zu verlassen? Oder ist die Türkei einer Zweckgemeinschaft mit Rußland beigetreten, während sie ihre Verbindungen zur NATO und dem Pentagon weiterhin aufrechterhält?

Möglicherweise zerbricht das Atlantische Bündnis. Wird das zu einer NATO-Austrittsbewegung führen, der auch weitere NATO-Mitgliedstaaten folgen werden?

Laut diplomatischer Quellen, besteht die diesbezügliche Absicht Moskaus im Aufbau bilateraler Beziehungen mit ausgewählten Mitgliedsstaaten aus EU und NATO. Das Ziel ist, zu einer “militärischen Deeskalation” an der Westgrenze Rußlands beizutragen.

Abgesehen von der Türkei, könnten mehrere EU-Staaten, einschließlich Deutschlands, Italiens, Griechenlands (das bereits militärische Bande zu Rußland geknüpft hat) und auch Bulgarien einen NATO-Austritt in Betracht ziehen.

DardanellenDie “Annäherung” der Türkei an Rußland hat strategische Gründe. Während sie eine Schlüsselrolle im Nahen Osten spielt, kontrolliert die Türkei über die Dardanellen* und den Bosporus auch den maritimen Zugang zum Schwarzen Meer (siehe das Bild rechts).

Mit anderen Worten, würde der Austritt der Türkei aus der NATO eine unmittelbare Wirkung auf die Land- und Marinestützpunkte der Nato im Schwarzmeerbecken haben, was im Gegenzug die militärischen Möglichkeiten der NATO an Rußlands Türschwelle in Osteuropa, dem Baltikum und dem Balkan beeinträchtigen würde.

Unnötig zu erwähnen, daß das Bündnis zwischen Moskau und Ankara der Marine von Rußland und China den Zugang vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer über den Bosporus erleichtert.

Die Neuausrichtung der Türkei bleibt nicht auf Rußland beschränkt, sondern schließt auch den Iran und Pakistan mit ein, das dabei ist seine militärischen Bande zu den VS zu lösen, während es seine Handels- und Investitionsbeziehungen zu China ausweitet. Pakistan ist, ebenso wie Indien, Vollmitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit* (SOZ).

Auch muß die größere Struktur von sowohl militärischen als auch Handels- und Investitionsbündnissen, einschließlich von Schiffahrtsrouten und Pipeline-Korridoren, betrachtet werden.

 

Der Einfluß und die Hegemonie der VS im Großraum Naher Osten

Diese geopolitischen Veränderungen haben der Schwächung des Einflusses der VS im Nahen Osten, Zentralasien und Südasien gedient.

Die Türkei hat ein Zweckbündnis mit dem Iran. Und der Iran wiederum wird nun von einem mächtigen chinesisch-russischen Block unterstützt, was sowohl militärische Zusammenarbeit, strategische Pipelines sowie ausgedehnte Handels- und Investitionsabkommen umfaßt.

Im Gegenzug ist nun, durch den Aufbau eines Bündnisses von Katar, Oman und Kuwait mit dem Iran (als auch mit der Türkei), zum Nachteil von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Einheit von Saudi-Arabien und den Golfstaaten in Gefahr

Saudi-Arabiens Wirtschaftsblockade gegen Katar hat einen Riß in den geopolitischen Bündnissen geschaffen, was den Einfluß der VS am Persischen Golf geschwächt hat.

Der Golf-Kooperationsrat* (GKR) ist, mit der gemeinsamen Unterstützung der Arabischen Emirate und Bahrain von Saudi-Arabien gegen Katar, derzeit tief gespalten. Im Gegenzug erhält Katar Unterstützung aus Oman und Kuwait. Unnötig zu sagen, daß der Golf-Kooperationsrat, der bis vor kurzem noch Amerikas treuester Verbündeter gegen den Iran im Nahen Osten gewesen ist, sich in totaler Verwirrung befindet.

 

Der Militärstützpunkt des VS-Zentralkommandos in Katar

Während die Türkei Truppen in Katar stationiert, hat sie, laut einem Abkommen aus dem Jahr 2014 (in Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium von Katar), den Militärstützpunkt Tariq bin Ziyad in Katar errichtet.

Der von den VS in Katar errichtete Luftwaffenstützpunkt, Al Udeid*, ist der größte im Nahen Osten. Unter dem Befehl des Zentralkommandos der Vereinigten Staaten* (CENTCOM) beherbergt es die Kommandostrukturen sämtlicher VS-Militäroperationen der gesamten Region des Nahen Ostens und Zentralasiens.

Al Udeid – wo einige zehntausend VS-Soldaten stationiert sind – hat eine strategische Rolle in den andauernden Luftangriffen gegen Afghanistan, den Irak und Syrien gespielt.

Allerdings gibt es hier einen fundamentalen Gegensatz: Amerikas größter Militärstützpunkt im Nahen Osten, der das CENTCOM beherbergt, befindet sich in einem Land, das derzeit fest mit dem Iran verbunden ist (sprich, mit einem Gegner von Amerika). Außerdem sind Katars Hauptgeschäftspartner in der Erdöl- und Gasindustrie der Iran und die Türkei. Im Gegenzug sind sowohl Rußland als auch China aktiv in die katarische Ol- und Gasindustrie eingebunden.

Als Reaktion auf die Annäherung Katars an den Iran, hat das Pentagon bereits ins Auge gefaßt das Hauptquartier
usarmyqatarseines Zentralkommandos vom Luftwaffenstützpunkt, Al Udeid, (Bild links) auf die 80 km von Riad entfernte Prince Sultan Air Force Base nach Zentral-Saudi-Arabien zu verlegen.

Die Struktur der Katar betreffenden Militärbündnisse sind diesbezüglich strategischer Natur.

Warum? Weil Katar ein geopolitischer Hotspot ist, was hauptsächlich auf seine ausgedehnten maritimen Gasfelder zurückzuführen ist, die es sich dort mit dem Iran teilt.

Bei der Förderung maritimen Erdgases kooperiert der Iran unter einer gemeinsamen Eigentümerstruktur aktiv mit Katar zusammen. Diese maritimen Gasfelder haben strategischen Charakter, da es sich um der Welt größte Erdgasreserven im Persischen Golf handelt (lesen sie für nähere Einzelheiten hierzu Michel Chossudovskys Artikel, Middle East and Asia Geopolitical Alliances, vom September 2017 bei Global Research)

Im März 2018 hat Washington, wegen der Annahme, daß Doha mit Gegnern von Amerika, einschließlich Irans und Rußlands, verbündet ist, gefordert die katarische Nachrichtenagentur, Al Jazeera, in den VS als “Auslandsagenten*” zu registrieren.

Ist dies nicht ein Vorspiel für ein “Katar-Gate” unter Leitung von Trumps neu eingesetztem “Kriegskabinett” (in dem Pompeo* das Außenministerium von Tillerson übernommen hat)?

Übersetzung des Screenshots:

Seit dem Beginn der Blockade gegen Katar durch seine arabischen Nachbarn, welche auch Forderungen nach der Schließung von Al Jazeera umfaßt hat,haben hochrangige Persönlichkeiten innerhalb der VS die engenBeziehungen beider Länder hervorgehoben. Die Unterstützung von Katar durch Außenminister, Rex Tillerson, wurde sogar als Grund hinter derForderung der Vereinigten Arabischen Emirate an Präsident Trump erkannt, Tillerson zu entlassen.

 

Im November 2017 hat der katarische Außenminister, Sheik Mohammed bin Abdulrahman Al Thani, während eines Besuchs in Washington, vorgeschlagen, daß “Katar die Möglichkeit einer von Saudi-Arabien geleiteten Militäroperation nicht ausschließt.” Während diese Option eher unwahrscheinlich ist, ist ein von den VS und ihren saudischen Verbündeten finanzierter “Regime Change” in Doha eine deutliche Möglichkeit.

 

Der Luftwaffenstützpunkt, Incirlik, in der Südtürkei

Währenddessen überlegt das Pentagon die Einrichtungen und Soldaten der US Air Force vom Luftwaffenstützpunkt, Incerlik, in der Südtürkei abzuziehen:
Anfang März hat der Sprecher des United States European Command (EUCOM), Johnny Michael, “spekulative” Berichte dementiert, nach denen das VS-Militär seine Operationen auf dem Stützpunkt Incerlik reduziert und fügte hinzu, daß alle militärischen Aktivitäten, normal weiterliefen.

Einen Tag vor Michaels Äußerungen hat ein Bericht des Wall Street Journal angedeutet, daß die VS die Kampfeinsätze auf dem Stützpunkt massiv reduziert haben und dort über dauerhafte Kürzungen nachdächten. (Al Jazeera, March 26, 2018)

 

Zusammenfassung: Mit einer auseinanderbrechenden NATO verlieren Amerikas Kriegsfalken ihr Standbein.

Die Allianz zwischen Washington und Ankara steckt in einer Krise. Die NATO steckt in einer Krise. Im Gegenzug könnte ein NATO-Austritt der Türkei die NATO destabilisieren.

Wir befinden uns an einem gefährlichen Scheideweg. Die US-NATO-Militäragenda bedroht die Zukunft der Menschheit.

Wie läßt sich der Trend zum Krieg umkehren? Was kann konkret unternommen werden?

Der “NATO-Austritt” könnte zu einem Aufruf werden, zu einer Bewegung, die sich in ganz Europa ausbreitet.

Sowohl die europäische als auch die nordamerikanische Friedensbewegung sollte ihre Basiskampagnen konkret auf einen länderspezifischen “NATO-Austritt” mit dem Blick darauf konzentrieren, die von Washington benötigten Militärbündnisse zu zerbrechen, welche sie zum Erhalt ihrer militärischen Agenda benötigt.

Keine einfache Aufgabe. Diese Bewegung wird nicht von den Regierungen ausgehen. Die meisten der staats- und regierungstragenden Köpfe der NATO-Mitgliedstaaten sind vereinnahmt worden.

Außerdem werden die “humanitären Kriege” der VS-NATO von vielen der (von Unternehmensstiftungen finanzierten*) zivilgesellschaftlichen Organisationen im Westen stillschweigend akzeptiert.

Was das bedeutet, ist, daß die Friedensbewegung neu aufgebaut werden muß.

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Michel Chossudovsky
ist preisgekrönter Autor und emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Ottawa, Gründer und Direktor des Centre for Research on Globalisation (CRG) in Montrealsowie der Herausgeber von Global Research. Als Gastprofessor hat er in Westeuropa, Südostasien, im Pazifischen Raum und in Lateinamerika
gelehrt und war als Berater für verschiedene internationale Organisationen in Entwicklungsländern tätig. Er ist Autor von elf Büchern, einschließlich “The Globalization of Poverty”, “The New World Order” (2003), America’s “War on Terrorism” (2005), “The Global Economic Crisis”, “The Great Depression of the Twenty-first Century” (2009) (Herausgeber), “Towards a World War III Scenario: The Dangers of Nuclear War” (2011), “The Globalization of War”, “America’s Long War against Humanity” (2015). Er ist Beitragender der Encyclopaedia Britannica. Seine Texte wurden in über zwanzig Sprachen veröffentlicht. Im Jahr 2014 erhielt er die Goldmedaille für Verdienste um die Republik Serbien für seine Schriften über den Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien.

Quelle: https://www.globalresearch.ca/towards-nato-exit-shift-in-the-structure-of-military-coalitions-turkeys-alliance-with-russia-china-and-iran/5633771

Alle mit einem * versehenen Links wurden zusätzlich eingefügt

Zuletzt editiert: 6. April 2018, 13:30 Uhr

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